03.10.2026 - 07.03.2027 "Along the Color Line". Spuren einer transatlantischen Moderne
Zu seinem 50. Jubiläum zeigt das Museum Ludwig eine große, interdisziplinäre Überblicksausstellung, die Kunst der internationalen Schwarzen Diaspora in Beziehung zur europäischen Moderne setzt.
Eine Vielzahl internationaler Leihgaben von modernen und zeitgenössischen Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen sowie Literatur und Musik der Schwarzen Diaspora treten in Dialog mit Werken aus der Sammlung des Museum Ludwig. Sie zeigen auf, wie diese künstlerischen Ausdrucksformen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ort des Austauschs und der Auseinandersetzung zwischen Kulturen wurden.
Der Titel der Ausstellung ist den Schriften des afroamerikanischen Soziologen W. E. B. Du Bois entlehnt, der 1892–1894 in Berlin studierte und 1936 als Journalist für den Pittsburgh Courier unter anderem Köln, Hamburg, Stuttgart, die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth und die Olympischen Spiele in Berlin besuchte. Mit seiner wissenschaftlichen Arbeit schärft er den Blick für die globalen Verflechtungen von Rassismus und Ausgrenzung und liefert ein einzigartiges Zeugnis dieser historischen Periode. Du Bois’ Berichte werden in der Ausstellung durch schriftliche Zeitzeugnisse weiterer Vertreter*innen der Schwarzen Diaspora, die sich zeitweilig in Europa aufhielten, ergänzt. Zu diesen zählt unter anderem der Philosoph Alain Locke (1885–1954), der 1910–1911 ebenfalls in Berlin studierte und später an der historisch afroamerikanischen Howard University in Washington unterrichtete, die großzügige Leihgeberin dieser Ausstellung ist. Dort werden bis heute seine wissenschaftlichen Schriften und seine Sammlung internationaler Kunst verwahrt.
Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Forschungsprojekt zur Sammlung des Museum Ludwig. Es machte deutlich, dass Arbeiten Schwarzer Künstler*innen wie in den meisten europäischen Museen auch hier kaum vertreten sind, ganz besonders im Bereich der Moderne. Diese Unterrepräsentation verweist auf tief verwurzelte koloniale und gesellschaftliche Machtverhältnisse, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. Vor diesem Hintergrund fragt Along the Color Line, wie Schwarze Künstler*innen durch ihre Werke neue Narrative schufen, die koloniale und eurozentristische Sehgewohnheiten herausfordern. Anhand von Bewegungen wie der Harlem Renaissance in den USA oder der Négritude-Bewegung in Europa werden die Beziehungen zwischen den Kontinenten nachgezeichnet und die Auswirkungen auf aktuelle Kunstproduktionen untersucht.
Eine wesentliche zeitgenössische Position in diesem Kontext ist die des deutsch-amerikanischen Künstlers James Gregory Atkinson (*1981). Atkinson setzt sich mit afroamerikanisch-deutscher Geschichte auseinander und hat hierzu ein nichtlineares Archiv mit Bildern, Objekten, Texten und Oral History erarbeitet, das sich mit der Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland beschäftigt. Sein Archiv, das eine historische Linie von den Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts zu heutiger diasporischer Realität zieht, ist ein zentrales Werk der Ausstellung.
Historische Aufenthalte afrodiasporischer Künstler*innen in Europa und in der Rheinregion verdeutlichen, dass Fragen von Migration, Identität und kultureller Zugehörigkeit nicht nur globale Phänomene sind, sondern auch lokal greifbar und erinnerungskulturell relevant. Die Werke von Mildred Thompson etwa, die an der Howard University studierte und in den 1960er Jahren in Düren lebte, verleihen der Präsentation eine starke lokale Verankerung.
Im Vorfeld von Along the Color Line hat das Museum Ludwig neben einer Arbeit von Thompson bereits gezielt weitere Werke, beispielsweise von Herbert Gentry (1919–2003) und Iba Ndiaye (1928–2008), angekauft. Diese Künstler*innen eröffnen durch ihre transnationalen Biografien und ästhetischen Positionierungen neue Perspektiven auf die (Post-)Moderne. Im Rahmen der Ausstellung treten Sammlungsbestand, Neuzugänge und Leihgaben in einen Dialog, der bislang unsichtbare interkulturelle Verflechtungen und transatlantische Verbindungslinien zwischen den Sammlungsschwerpunkten der europäischen Moderne und der US-amerikanischen Postmoderne sichtbar macht.
Über 100 Jahre nach den Aufenthalten von W. E. B. Du Bois und Alain Locke im modernen Deutschland beziehungsweise Europa lädt die Sonderausstellung die Besucher*innen ein, den gesellschaftlichen Stellenwert von kultureller Identität, Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu reflektieren und über die Relevanz kreativer Lösungen für das Leben mit und zwischen unterschiedlichen Kulturen nachzudenken – damals wie heute.
Die Ausstellung wird gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Kulturstiftung des Bundes. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kunststiftung NRW sowie der Terra Foundation for American Art. Außerdem wird sie von der Peter und Irene Ludwig Stiftung, den Freunden des Wallraf-Richartz-Museum und des Museum Ludwig e.V., der Kulturstiftung der Länder und der Beatrix Lichtken Stiftung unterstützt. Sponsor der Ausstellung ist die REWE Group.
Mit dieser Ausstellung bekräftigt das Museum Ludwig im Jubiläumsjahr 2026 seine Gründungsidee: Stimmen sichtbar zu machen, die zu lange übersehen wurden.
Kuratorin: Eboa Itondo
Along the Color Line
Spuren einer transatlantischen Moderne
3. Oktober 2026 – 7. März 2027
Bildcredit:
Winold Reiss
Harlem Girl with Blanket, ca. 1925
Privatsammlung